Federgabel vs starr – Und warum ich (immer) noch ungefedert fahre

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Ja, vor Kurzem hätte ich es fast getan – und mir eine Federgabel gekauft. Eine gebrauchte 29er RockShox Reba RL 100mm hätte für mich meinen persönlichen Zwiespalt Federgabel vs starr neu befeuert, nachdem ich mich seit Jahren für starr und bewusst gegen eine Federgabel entschieden hatte.

Das Problem mit der Innovation

Die Rock Shox Reba RL 100mm, so wie die aus der Auktion, ist heutzutage leider schon eine Seltenheit, für Schnellspanner und mit geradem Gabelschaft, besteht der Standard doch mittlerweile aus breiteren, konisch zulaufenden, „tapered“ Gabelschäften, Steckachse und oft auch noch dem neuen „Boost“-Standard von 110mm Vorderachsbreite.

Kauft man sich eine neue Gabel mit ungekürztem Gabelschaft, dann ist tapered kein wirkliches Problem. Für ältere gerade Steuerrohre die normalerweise externe oder semi-integrierte Steuersätze benötigen (bei mir aktuell ein ZS44/30) gibt es für den unteren Part auch externe, also außenliegende 1,5″ Lagerschalen um solche tapered Gabeln fahren zu können.

Entscheidet man sich dann noch für einen Hope oder Cane Creek Steuersatz¹, dann gibt es für diese wiederum jeweils einen Reduzier-Gabelkonus mit dem sich die normalen 1 1/8″ Gabelschäfte mit diesen großen Lagern montieren lassen.

Nachteil: die Einbauhöhe vergrößert sich um die Höhe der außenliegenden Lagerschale, was sich aber insgesamt nicht wirklich dramatisch auswirkt – das Tretlager kommt ca. 3mm höher, der Sattel kommt ein paar mm weiter nach hinten und der Lenkwinkel wird geringfügig flacher.

Das größte Problem bei einer gebrauchten Gabel mit gekürztem Gabelschaft ist daher eine zu finden deren Gabelschaft noch lang genug ist – und ist daher – sofern man einen großen Rahmen mit relativ langem Steuerrohr fährt wie ich – nahezu unmöglich.

Die Gabel ging für 190 € weg, ein echtes Schnäppchen für eine Reba RL in gutem Zustand, darum hat es mich auch ziemlich geärgert, dass der Bietagent versagte und ich sie nicht geschossen habe.

Andererseits habe ich so noch mal die Möglichkeit alles in Ruhe zu überdenken … beispielsweise so:

Pro Federgabel

Aber wozu überhaupt eine Federgabel?

Eigentlich bin ich ja mehr als zufrieden mit meiner Salsa Firestarter CrMo Starrgabel, die auch völlig ausreichend für 90% der von mir befahrenen Strecken ist. Inklusive 75% aller Trails, und die restlichen 10% gehen auch irgendwie.

Auf längeren Touren oder gar Reisen würde sich mir die Frage: Federgabel vs starr? gar nicht stellen, ich würde immer einer Starrgabel den Vorzug geben, einfach da sie beim Thema Wartung keine Kopfschmerzen verursacht.

Da ich mich aber aber in den letzten Monaten vermehrt dabei ertappe wie ich technischeres Terrain aufsuche, wäre es vielleicht doch keine schlechte Idee nochmal eine Federgabel auszuprobieren um zu sehen, ob sie mir nicht eventuell doch Vorteile bietet.

Vorteile, die die Anschaffung und das Mehr an Pflegeaufwand und Unterhaltskosten rechtfertigen. Allerdings will ich auch kein kleines Vermögen dafür ausgeben, und dass Preis-/Leistung stimmen sollten muss ich ja nicht erst erwähnen.

Federgabel, wenn ja, dann welche?

Ich denke, den meisten Leuten stellt sich die Frage (erst mal) nicht – sie fahren eine beziehungsweise ihre Federgabel weil sie schon am Rad war als sie es gekauft haben. Idealerweise hat man sich aber vorab darüber Gedanken gemacht hat und sie in die Kaufentscheidung einfließen lassen, denn eine Federgabel nachträglich kaufen ist auf den Posten bezogen eine der teuersten Investitionen.

So, das war die eine Gruppe. Die andere besteht aus denen die sich diese Gedanken nicht gemacht haben und die Dritte aus Leuten wie mir die nicht so gern von der Stange kauf(t)en².

Aus meiner Sicht sind die Mindestanforderungen an eine Federgabel:

  • für 29er
  • Gewicht: ~ 1.800g oder leichter
  • Federweg 100-120mm, idealerweise einstellbar
  • Federmedium: Luft
  • Preis: nicht zu teuer

Fangen wir mit dem letzten Punkt an: meine Schmerzgrenze läge so bei +/- 300 Euro, wobei das ein gutes gebrauchtes Objekt einschließt.

Leider sind gute, leichte Federgabeln wie die Rock Shox REBA RL neu selten mal unter 500 Euro zu haben, das ist mir persönlich der Spaß momentan nicht wert. Eine Alternative mit geradem Gabelschaft wäre die Rock Shox RECON Gold TK, die zwar hart an der 2Kg Grenze schrammt, aber 150 Euro günstiger ist.

Ein überaus interessanter Fund ist aber die RockShox 30 Gold RL Solo Air, leicht, luftgefedert und optisch wertig aussehend, dazu ein zukunftsorientierten konischen Gabelschaft und auch für 9mm Schnellspanner. Allerdings findet man sonst wenig aktuelle Infos zu der Gabel, aber die die man findet sich gut.

Empfehlung Federgabel

Unterm Strich kann man wohl sagen wer bereit ist um die 500 Euro für eine gute Gabel in die Hand zu nehmen, der sollte sich die Rock Shox Reba RL mal näher anschauen. Alle anderen die auf der Suche nach einer guten Budget-/Einsteigergabel sind sollten die Gold TK näher in Augenschein nehmen. Letztere scheint tatsächlich sowas wie ein Geheimtipp zu sein – eine gute, leichte Gabel, die funktioniert, für 300 Euro.

Einziges Manko: sie kein Motion Control wie die Reba, wodurch man sie nicht ganz so fein abstimmen kann. Die Frage ist aber ob man dieses Feature überhaupt braucht, was jeder nur für sich entscheiden kann. Ich denke, dass man als schwerer fahrer drauf verzichten kann, da man sich eh am oberen ende des Einstellbereichs bewegt. Mehr zu Motion Control gibt’s hier.

Und was ist mit Budget Federgabeln anderer Hersteller?

Mit etwas Glück findet man auch hier was Brauchbares, beispielsweise die Manitou M30 oder etwas schwerer, die RST First Air.

Grundsätzlich wird es aber schwierig im Bereich unter 300 Euro: entweder ist sie qualitativ das Geld nicht wert und/oder sie ist zu schwer. Vor allem braucht man sich keine Mühe machen und bei den elitäreren Herstellern zu schauen: Fox, DT, Magura usw. – nada.

Hätte ich die Wahl zwischen RockShox und anderen Gabeln im Einsteiger-/Budget Segment, würde ich persönlich RockShox den Vorzug geben. Warum? Keine Ahnung, Bauchgefühl.

Pro Starrgabel

Wie gesagt, vermisse ich mit meiner Starrgabel am MTB wenig, vor allem seit ich am MTB 2,4″ Reifen fahre. Mit dem richtigen Luftdruck ist die Dämpfung von Unebenheiten sowie die Traktion im Gelände top, Probleme mit Durchschlägen hatte ich bis jetzt keine.

Aber: was man nicht kennt kann man ja auch nicht vermissen. 😉

Ich bin auch schon Fullies gefahren wenn ich die Gelegenheit hatte, und natürlich, ein gut abgestimmtes Fully ist was Feines.

Aber: einerseits sehe ich (für mich) den Bedarf nicht – überwiegend Cross Country Einsatz und so, zum anderen ist es mir schlicht zu teuer. 2500 Euro aufwärts für ein Fahrrad mit dem ich letztlich auch nur „normal“ fahre, hmm … vielleicht im nächsten Leben.

Die wesentlichen Vorteile einer Starrgabel gegenüber einer Federgabel sind meines Erachtens nach die:

  • Preis
  • Wartungsarmut und Simplizität
  • Gewicht: selbst eine „schwere“ CrMo-Starrgabel ist leichter als eine teure Federgabel
  • Starr fahren erfordert vorausschauendes Fahren und eine bessere Fahrtechnik – man wird also ein besserer Fahrer
  • Kann beim queren von Rinnen nicht einfedern – geringere Gefahr von stürzen

Fazit

Ich bin mir nach wie vor unschlüssig ob es so ein guter Move wäre ins gefederte Lager zu wechseln, zumal es eine nicht unerhebliche Investitionen bedeuten würde: tapered Gabel für Steckachse und Boost, dazu neue Lagerschalen und ein neues Vorderrad, da ist man schon mit 500 Euro dabei. Aber reizen würde es mich schon, da meine gefederten Erfahrungen schon Jahre zurück liegen und die Technologie sich logischerweise weiterentwickelt hat.

Interessant wäre auch die Möglichkeit eine 203er Bremsscheibe fahren zu können, was bei langen Abfahrten als doch relativ schwerer Fahrer – 100+ Kg mit Kleidung, Schuhen und 6-8 Kg Rucksack) durchaus Sinn macht da man dann mehr Reserven hat.

Eine Option habe ich bisher noch gar nicht erwähnt – Carbon-Starrgabeln. An meinem CAADX-Cyclocrosser fahre ich eine und bin echt begeistert was die Steifheit und Dämpfungseigenschaften angeht.

Allerdings hab ich immer noch etwas Probleme mich beim Mountainbike damit anzufreunden. Ich gehe zwar mit dem Querfeldein-Rad auch nicht zimperlich um, aber irgendwie ist mir eine Stahlgabel am MTB aber dann doch noch am liebsten.

Anmerkungen

¹ Möglicherweise bieten das andere auch, weiß ich aber nicht sicher.

² Eigentlich bin ich zu sehr Individualist als dass ich von der Stange kaufen wollte. Aber, wenn man etwas Ahnung hat und weiß was man will ist von der Stange kaufen meistens deutlich günstiger als die Summe der Einzelteile, vor allem wenn man dann noch ein Sale-Schnäppchen abgreifen kann.

Natürlich bekommt man selten seine Traumausstattung, aber oft durchaus was mit dem man Leben kann. Schaltungskomponenten upgraden ist meist nicht so teuer (außer man legt wert auf Premiumkomponenten …) und kann Peu à Peu geschehen, daher ist, unter finanziellen Aspekten, wichtig, dass Rahmen, Gabel und Laufräder/Laufradkomponenten möglichst nicht getauscht werden müssen.

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2 Antworten zu “Federgabel vs starr – Und warum ich (immer) noch ungefedert fahre”

  1. Avatar

    Christian

    Du sprichst mir aus der Seele. Endlich mal jemand, der das ganze Thema aus praktischer Sicht objektiv beleuchtet. Ich überlege auch auf Starrgabel zu wechseln, weil die Vorteile eindeutig überwiegen. Meine aktuelle Federgabel wiegt ca. 2700 g. Ich könnte bei Carbon (wiegt ca. 600 g) oder auch Stahl (ca. 1200 g) eine Menge an Gewicht einsparen. Meine Frage ist: Wenn ich aber doch mal etwas ruppiger fahre, bricht dann eine Starrgabel vielleicht auch mal? Sollte man aus Stabilitätsgründen lieber zu Stahl greifen, statt Carbon?

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    • Avatar

      andreas

      Also ich fahre seit gut 2 Jahren wieder Hardtail gefedert, da mein Anteil an technisch(er)en Trails doch mittlerweile relativ hoch ist. großvolumige Reifen bügeln zwar einiges weg haben aber auch ihre Nachteile 2,4 Reifen gehen noch, Größere kosten …)

      Zu deiner Frage ob „ruppiger Fahren“ eine Starrgabel brechen könnte – das ist natürlich eine Glaskugelfrage, denn ich kenne weder die Gabel noch dein Gewicht und deinen Fahrstil. Ich würde aber sagen, dass guter Fahrstil und „Skill“ fast alles kompensieren können.

      Zur Frage ob Carbon der Stahl – ich würde jederzeit immer Salsa-Stahlgabeln fahren – sind m.E. in jeder Hinsicht denen Surly überlegen (leichter, bessere Verarbeitung, …). Von Carbon halte ich bei MTB’s nicht viel, außer man ist leicht, fährt keine anspruchsvollen Sachen und/oder hat zu viel Geld. Ein Freund hatte sich eine Carbon Starr-Gabel gekauft, fährt jetzt aber wieder Federgabel weil sie Risse bekommen hat. Und das nicht wegen Sprüngen oder Missbrauch sondern bei normaler Belastung. War eine China-Gabel allerdings mit guter Reputation. Kann sein, dass eine Markengabel besser ist, kostet dann aber auch soviel wie eine gute LEICHTE Federgabel (die es ja schon mit ~1800g leichter und mit etwas Glück für um die 300 Euro im Sale gibt (Rock Shox Reba RL oder 30 Gold TK).

      Ergänzung:
      Einziger Nachteil von Federgabeln, meiner Meinung nach: die Wartung. Gabeln warten zu lassen kostet, dauert, und meistens machen sie es nicht gut. Das sind jedenfalls meine Erfahrungen. Also entweder man hat jemand dem man vertrauen kann oder man macht es selber. Ist nicht so schwer. Davon abgesehen sind die Wartungsintervalle meiner Meinung nach krass übetrieben und Geldmacherei. Bei halbwegs normaler und Pflege (Tauchrohre immer schön sauber machen und mit Brunox pflegen, Rad ab und zu auf den Kopf stellen, dass die Dichtung schön geölt werden) braucht man meiner Meinung nach lange keinen Service. Und wenn dann mache ich ihn selber. So schwer ist das auch nicht. Gibt ja jede Menge Anleitungsvideos.

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