Westweg per Fatbike, Teil 2 – von Hausach nach Triberg

Morgens ging’s mit dem Zug nach Hausach um die Tour fortzusetzen. Um mit der Bahn von Stuttgart nach Hausach zu kommen gibt es zwei Routen:

  1. Über Karlsruhe und Offenburg
  2. Via Freudenstadt

Die Karlsruhe-Option hat großzügigere Umsteigezeiten, dafür ist der Bahnhof auch größer und die Umsteigewege dadurch länger. Auf der Freudenstadt-Route sind die Zeiten für den Zugwechsel zwar deutlich kürzer, dafür muss man aber auch nur aus dem einen Zug raus 2 m rüber und in den nächsten Zug rein.

Also hab ich mir alles schön raus geschrieben nur um morgens um 9 kein Baden-Württemberg-Ticket aus dem Automaten lassen zu können – die einzige wählbare Option war über Freudenstadt. Und da ich ungern 39 Euro, den Preis für ein reguläres Ticket mit deutlich schlechteren Konditionen, zahlen wollte, fuhr ich eben über FDS, auch auf die Gefahr einer längeren Wartezeit hin.

Wer’s nicht kennt: das Baden-Württemberg Ticket ist ein Pauschalticket das ab 9 Uhr morgens bis um 3 Uhr morgens des nächsten Tages in ganz BW gilt. Es kostet 23 Euro, man kann kostenlos ein Fahrrad mitnehmen und bis zu 4 weitere Personen die dann nochmal je 5 Euro zahlen und ebenfalls kostenlos ein Fahrrad mitnehmen könnten, mehr Infos dazu hier.

Anscheinend geht es wohl doch irgendwie das Ticket ohne Angabe des Fahrtziels raus zu lassen, das WIE erschloss sich mir aber nicht. Naja. Dann eben nächstes Mal ein neuer Versuch.

Die Zugfahrt war relativ ereignislos, bis auf eine Gruppe älterer Frauen vom Typ: „meine Mutter ist meine beste Freundin“ die in Herrenberg zugestiegen waren. Wellness-Kurzurlaub im Schwarzwald war wohl das Ziel, den Koffern nach zu urteilen.

Ihren Ausflug mussten sie jedenfalls gleich mal mit Sektchen und vielen Worten begießen – in solchen Momenten wird mir schlagartig immer klar warum manche Männer einen Hobbykeller mit Modellbahnanlage haben…

Aber es gibt auch andere, wie die Frau des Rentnerpaares die in Eutingen zustiegen und ins Elsaß wollten. Gut informiert, fahrradbegeistert und so gar nicht die ignorante Kreuzfahrtrentnerin wie man sich das oft so verstellt, unterhielt ich mich mit ihr bis Hausach, Aufhänger war, wie sollte es anders sein, das Fat Bike.

In Hausach beging ich dann einen groben Fehler der sich später noch rächen sollte: entgegen meiner Absicht stattete ich weder Bäcker noch Metzger einen Besuch ab, obwohl ich es mir vorgenommen hatte – zu sehr wollte ich den Anstieg hoch auf den Farrenkopf hinter mich bringen.

Mit 789 m über N.N. liegt der Gipfel über 500 m höher als Hausach und wie ich aus Berichten gelernt hatte war der Aufstieg wohl eine elende Schinderei. Im Nachhinein muss ich sagen: ja, es war eine elende Schinderei, aber so schlimm dann auch wieder nicht.

Allerdings hab ich geschwitzt wie die Sau, und das obwohl’s noch nicht mal warm war – kühl mit extrem hoher Luftfeuchtigkeit, ich war permanent klatschnaß, und das sollte sich auch für den Rest des Tages nicht wesentlich ändern.

Kälte, Nässe und Fahrtwind sind aber eine denkbar schlechte Kombination die mit ziemlicher Sicherheit zu Hypothermie wenn nicht gar Schlimmerem führt. Darum hieß es bei jedem Anstieg Klamotten bis aufs T-Shirt aus, bei jeder Abfahrt Klamotten wieder an.

So ging’s dann weiter über die Büchereckhütte zum Huberfelsen (Umfahrung auf dem Huberweg ist sehr empfehlenswert!) und Karlstein bis ich schließlich total erschöpft und entkräftet kurz vor Dunkelheit die Wilhelmshöhe erreichte.

„Radtour“ trifft die Sache diesmal nicht genau, ich würde eher sagen hier bekam der Begriff „Radwandern“ eine völlig neue Bedeutung, da ich bestimmt über die Hälfte der zurückgelegten 36 km wegen Unfahrbarkeit oder um Kraft zu sparen geschoben und getragen habe.

Auf der Wilhelmshöhe, einem Straßenpaß, gibt es ein Gasthaus mit Fremdenzimmer und eine Pension. Die Preise in der Gegend sind ohnehin gesalzen, mit Kurtaxe ist man schnell mit 50 Euro dabei, und dann hat man immer noch nichts gegessen.

Hinzu kommt, dass ich mich so verausgabt hatte, dass mir der Gedanke an eine Fortsetzung am nächsten Tag ziemlich unrealistisch vor kam.

Das Problem war, eigentlich hatte ich es lockerer angehen lassen und gar nicht soweit fahren wollen. Aber dann gab es zwei Hütten, die auf meiner Karte eingezeichnet waren einfach nicht, und mit denen hatte ich fest gerechnet. Und schon um drei Uhr nachmittags bei der Büchereckhütte Feierabend machen mit 5 Stunden Tageslicht, alleine und mit nichts zu tun… Nee, ging auch nicht!

Ich hatte nun also folgende Möglichkeiten – und da es dunkel wurde auch nicht wirklich viel Zeit zum überlegen:

  1. Hoffen dass ein Zimmer frei ist, in den sauren Apfel beißen, ein kleines Vermögen ausgeben und weiterhin hoffen, dass ich mich bis zum nächsten Morgen einigermaßen erholt hatte
  2. Weiterfahren und hoffen, dass wider Erwarten eine Hütte oder Unterstand kommt oder irgend etwas das sich zum biwakieren besser eignet als exponiert auf der Wiese zu liegen – nicht wirklich das was man machen will wenn es kalt und man ausgezehrt ist
  3. Nach Schonach runter fahren und hoffen, dass es dort etwas billiger ist, und dann am nächsten Tag wieder rauf fahren
  4. Das Vorhaben für dieses Jahr abblasen, 5 km den Berg nach Triberg runter rollen lassen und mit meinem noch gültigen Zug-Ticket für lau Heim fahren – dann hat sich zumindest diese Ausgabe gelohnt

Die Entscheidung fiel mir nicht leicht, aber die Aussicht auf eine Erkältung, dann am nächsten Tag eventuell dennoch abbrechen müssen kombiniert mit einer teuren Übernachtung an einem Ort der mich nicht wirklich interessierte um dann am nächsten Tag nochmal Geld für ein Heimreiseticket auszugeben machte mich nicht besonders an.

Ich wählte also die Heimfahrt, und wie bei jeder Entscheidung die zu treffen man sich durchgerungen hat machte sich Erleichterung breit.

Wie konnte das nur passieren?

Tja: ganz nüchtern sportwissenschaftlich betrachtet, habe ich wohl meine körpereigenen Energiereserven deutlich schneller entleert als ich sie unterwegs wieder auffüllen konnte. Man nennt das auch „Bonking“. Leider hilft es da wenig erst dann nachzulegen wenn das Kind erstmal in den Brunnen gefallen ist.

Ich hätte vorm Start nochmal ordentlich reinhauen sollen. Mit vollem Magen zu fahren ist zwar auch nicht optimal aber immer noch besser als mit halb leerem. Hätte, hätte, Fahrradkette – hinterher ist man immer schlauer.

Zweitens ich bin zu schnell aufgestiegen (und ich war schon langsam!). Das ist etwas das ich eigentlich in Nepal auf dem Annapurna Basecamp Trek von zwei schwer bepackten Trekking-Indern gelernt habe: GAAAANZ LANGSAM GEHEN !

Aber wie es eben immer so ist, man fühlt sich stark und fit solange bis man’s eben nicht mehr tut und das kann ganz schnell passieren.

Und es stimmt: je schneller man geht, desto anstrengender wird’s, und desto mehr wird auf schnell verfügbare, aber begrenzte Energie aus Muskeln und der Leber zurückgegriffen statt auf Körperfett, das im Verhältnis zum Glykogen im Überfluß vorhanden ist. Ja, und irgendwann pfeift man dann eben auf dem letzten Loch und das war’s.

Drittens, ich wollte es am ersten Tag eigentlich erst mal ruhig angehen lassen. Nach der Büchereckhütte kam jedoch einfach keine Hütte mehr. Nichts. Und mindestens eine die eingezeichnet war gab’s nicht mehr, so fern es sie es denn je gab.

Fazit

Die Etappe war anstrengender als gedacht. Manche Abschnitte ließen sich sinnvoll umfahren z.B. vom Büchereck zum Huberfelsen und auch der größte Teil der Strecke weiter zum Karlstein. Dennoch musste ich immer wieder massiv schieben und tragen.

Versorgungsmöglichkeiten gibt’s keine am Weg, bis auf die teuren Gasthäuser. Wer aufs Geld schaut muss auf diesem Abschnitt also ganz besonders gut planen und/oder einen Zahn zu legen. Die Alternative ist natürlich Abstieg nach links oder rechts ins Tal, z.B. nach Schonach, aber wer will das schon.

Der Schwarzwald ist an sich ein teures Terrain wo es kaum günstige Unterkünfte gibt, jedenfalls keine die man spontan anlaufen kann wenn man sie nicht vorher recherchiert hat. Diese mangelnde Spontanität macht die Sache im Fall der Fälle allerdings doch etwas unentspannt.

Ich hatte damit gerechnet, dass es anstrengend wird aber nicht so. Wenn man autark sein will muss man sich gut auf diese Art von Touren vorbereiten – gerade weil Deutschland ein teures, dicht besiedeltes Land ist, auch was die Strategie der eigenen Energieversorgung unterwegs angeht sollte man Gedanken machen und vor allem diszipliniert jede Stunde ca. 400 Kalorien zu sich nehmen und ausreichend trinken (ich hätte das hier vorher lesen sollen…).

Es ist eben ein Unterschied ob man seinen Fettstoffwechsel auf einer langen Reise über Wochen und Monate umfassend trainiert, oder daheim tut was man kann um dann von jetzt auf gleich eine anspruchsvolle Tour zu fahren.

Für die Reise um die Welt muss man nicht trainieren. Man fährt einfach los und die Fitness kommt mit der Zeit von alleine.

Eine anspruchsvolle Mehrtages-Tour im Gelände ist da schon was anderes. Nehmen wir den Klassiker Alpen X. Alpenüberquerungen sind normalerweise belastungstechnisch wie eine Pyramide aufgebaut.

D.h. Tag 1 gemütliches Einrollen bei vielleicht 50% – 60% des Maximaltages dann steigert man sich über die nächsten 2–3 Tage zum Maximum und reduziert wieder gegen Ende hin.

Wie auch immer – ich hätte es besser wissen sollen…

Impressionen

Soviel zum Abenteuer „von Hausach nach Triberg“, zum Abschluß noch ein paar Bilder…

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