Warum ich meinen Brooks B17 nicht mehr mag

Es ist fast sowas wie ein ungeschriebenes Gesetz: wer eine längere Reise mit dem Fahrrad unternehmen will kommt an einem Ledersattel, und hier meistens am Einsteigermodell Brooks B17, nicht vorbei.

Unermüdlich wird das Mantra rezitiert nur ein Kernledersattel sei wirklich komfortabel, aber erst nachdem er sich über mehrere hundert Kilometer des „Einreitens“ perfekt an die individuelle Physiologie des Fahrers angepasst hat.

Auch ich habe nach schmerzvollen Erfahrungen mit verschiedenen Sätteln letztlich auf das Pferd „Ledersattel“ gesetzt und war bis vor Kurzem eigentlich ganz zufrieden, ein Ledersattel ist nunmal das „Next Best Thing“ wenn es um Komfort geht.

Dachte ich. Bis ich mal darüber nachdachte und einen anderen Sattel ausprobierte.

Genauso dachte ich, denn das war ja quasi das ungeschriebene Gesetz, dass ein Tourenradler sehr aufrecht zu sitzen hätte, denn er will sich ja während des Fahrens an der Landschaft erfreuen und munter radelnd seinen Blick von links nach rechts und wieder zurück schweifen lassen. Und das geht bekanntlich nicht so gut wenn der Lenker zu tief montiert ist, da bekommt man nur schnell Genickstarre vom ewigen Kopf in dne Nacken legen.

Also montiert man den Lenker höher. Mindestens auf Niveau des Sattels, oft sogar noch höher.

Das Problem dabei ist, dass bei einem normalen Sattel in dieser entspannten Sitzposition nun das ganze Körpergewicht auf einem relativ schmalen Steg zwischen den Arschbacken lastet, d.h. der Druck pro Quadratzentimeter ziemlich hoch ist. Und je länger man in dieser Position verharrt, desto schmerzhafter wird es.

Die Standardlösung: diverse Strategien zur Federung und/oder Dämpfung, wie Ledersättel mit und ohne Federung, Sättel oder Sattelbezüge mit Gelposter und/oder Federsattelstützen. Wobei der eingerittene Ledersattel eine Sonderstellung einnimmt und sich bei Belastung verbreitert, d.h. der Druck pro Quadratzentimeter nimmt ab.

Das eigentliche Problem ist aber, dass der Mensch nicht dazu gemacht ist stundenlang still zu sitzen. Und das nicht nur auf dem Fahrrad. Er ist auch nicht dazu gemacht stundenlang am Schreibtisch zu sitzen, sondern jeden Tag einen Marathon zu laufen um sich seine Nahrung zu beschaffen.

Das müssen die meisten von uns heute nicht mehr tun, aber das Prinzip hat sich kaum geändert. Wenn wir also partout stundenlang auf einem Sattel sitzen wollen und wir versuchen diese bequemer zu gestalten dann versuchen wir quasi eine Zwangshaltung zu ergonomisieren.

Jeder der schon mal in hügeligem Gelände oder auf Schotterstraßen unterwegs war, wird feststellen, dass er dort viel weniger bis gar keine Sitzprobleme hat.

Warum ist das so?

Ganz einfach, weil dieses Gelände regelmäßige Belastungswechsel erzwingt, dadurch verteilt sich die Belastung abwechseln auf mehrere Muskelgruppen, und während die eine angespannt ist kann sich die andere entspannen.

Auch Profi-Radrennfahrer fahren selten mit Kernledersätteln, da zu schwer. Beobachtet man sie genau dann stellt man fest, dass sie immer mal wieder aus dem Sattel gehen und im Wiegetritt fahren. Und wenn sie das nicht tun ist ihr Körper die meiste Zeit angespannt und übernimmt so die Funktion der Dämpfung.

Nur der Tourenradler muss auf seinem Sofa sitzen und sich beim fahren die Welt angucken.

Warum eigentlich? Warum nicht öfter mal anhalten, was essen, was trinken, ein Foto machen?

Meiner Meinung nach hängt der Glorifizierung des Ledersattels hauptsächlich mit der illusorischen Vorstellung zusammen, Strecke machen, also so und so viel Kilometer am Stück runterreißen zu müssen.

Eventuell hängt es aber auch damit zusammen, dass viele Tourenradler ihren halben Hausstand mit sich rumschleppen, was ein sportlicheres Handling des Bikes oft nicht zulässt.

Wie dem auch sei, der Titel lautet warum ich meinen Brooks B17 nicht mehr mag, und dem ist so aus folgenden Gründen:

  1. er ist schwer
  2. das Gesell passt für meine Beinlänge nicht, ich sitze zu weit vorne
  3. zu anfangs ist er schon bequem, später gibt zuviel Kontaktfläche auch zuviel Reibefläche
  4. er quietscht ohne Ende
  5. Obwohl ich ihn, es ist mein zweiter, diesmal nicht mit Proofide behandelt habe ist er jetzt schon weicher als mir lieb ist
  6. Er ist durch seine Breite nicht wirklich für technisches Gelände geeignet, wo man auch mal seinen Hintern hinter den Sattel bringen muss
  7. er ist zu weich, mittlerweile zieh ich einen klar definierten Druckpunkt eine Sänfte vor

Unterm Strich komme ich daher zu der Erkenntnis, dass es weniger der Sattel ist, der Sitzprobleme bereitet, sondern eine falsche Sitzhaltung zusammen mit dem inneren „Zwingli“ der einen dazu anhält Strecke zu machen und „immer noch ein Stück weiter“ zu fahren als jetzt und hier kurz stehen zu bleiben um einen Schluck zu nehmen, abzubeißen oder ein Foto zu machen.

Training hilft natürlich ebenfalls, ebenso wie eine grundsätzlich aktivere Fahrweise, also, öfter mal raus aus dem Sattel und ein paar Umdrehungen Wiegetritt fahren.

Das geht leichter mit weniger Zuladung.

Ach ja, alles wird leichter wenn weniger mehr ist.

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