Der endomorphe Radfahrer – oder: mit radfahren kann man auch zunehmen!

ivo-endomorph

Googelt man „abnehmen durch radfahren“ dann findet man jede Menge Seiten die immer wieder das gleiche Schema bedienen, und das geht so:

Der Mensch ist eine Maschine, die Energie verbrennt. Nimmt er weniger Energie zu sich als er verbraucht, dann nimmt er ab, nimmt er mehr zu sich als er verbraucht, nimmt er zu.

Das stimmt zwar im Prinzip, aber nur teilweise.

Problem #1:
Bei sämtlichen Berechnungen geht man von einer gleichbleibenden Belastung aus und so sind auch die Bilder. Je nachdem welche Klientel die Publikation bedient sind Radwanderer, Mountainbiker oder Rennradfahrer ()siehe beispielsweise hier und hier)

Die Message ist aber immer gleich: es ist so einfach, setz‘ dich einfach etwas öfter und länger auf‘s Rad und du nimmst ab.

Das stimmt wahrscheinlich sogar für einige Leute. Aber eben nicht für alle.

Hier kommen nun die Körperbautypen ins Spiel. Ganz grob gesagt gibt es 3 verschiedene Grundtypen: Ektomorph, Mesomorph und endomorph, wobei in der Realität diese eher selten in Reinkultur sondern zu einem mehr oder weniger hohen Grad als Mischform aus 2 oder allen Grundtypen vorkommen.

Dabei neigt der Ektomorph (I wie Strich in der Landschaft) zur Schlankheit, d.h er muss viel essen um sein Gewicht/seine Konstitution zu halten. Tut er das nicht nimmt er ab und verliert seine hart erkämpfte Muskelmasse.

Der Mesomorph (V wie V-förmiger Rücken) neigt zur Muskulosität, er kann zwar durch übermäßiges Essen zunehmen, nimmt aber auch schnell und problematisch ab wenn er wieder normale Mengen isst und ist wie gesagt muskulös.

Der Endomorph (O wie rund) neigt zur Fettleibigkeit, baut zwar schnell und gut viel Muskelmasse auf, die aber unter einer Mehr oder weniger dicken Fettschicht verborgen liegt. Er hat in der heutigen Welt der billigen Nahrung mit hoher Energiedichte, dem leben und wohnen in beheizten Räumen und einem vorwiegend sitzenden Lebenswandel die absolute Arschkarte. Er braucht Essen nur anzuschauen und nimmt schon zu.

Der Endomorph ist der dominierende Somatotyp in Zentraleuropa, das auch schon in der Steinzeit geprägt war von langen harten Wintern, kurzen Sommern und generell gemäßigten Temperaturen. Daher brauchten unsere Vorfahren stoffwechseltechnisch die Eigenschaft Nahrungsenergie möglichst vollständig und effizient aufnehmen und speichern zu können, außerdem sorgt die größere Fettschicht für mehr Isolation gegen Kälte.

Aber was hat das mit Radfahren zu tun?

Ganz einfach:
Ein Endomorph ist bei gleicher Größe schwerer als die beiden anderen Typen, das bringt schon mal einen wesentlichen Nachteil mit sich. Mehr Gewicht zu bewegen erfordert höheren Energieaufwand und mehr Kraft, vor allem wenn es bergauf geht. Ein Endomorph ist, was seine Eignung als Radfahrer angeht, wenn überhaupt ein guter Bahnradfahrer und Sprinter. Für alles andere kann er mit trainierten Ekto- und Mesomorphen nicht konkurrieren. Sie werden immer schneller und kraft-ausdauernder sein, da sie deutlich weniger Masse im Verhältnis zu ihrer Muskelmasse bewegen müssen.

Es geht aber nicht immer nur um den Vergleich. ein endomorph hat noch weitere Probleme.

Problem #2:
Ernährung. Die beste Ernährungsform für einen Endomorph um Gewichtszunahme zu vermeiden ist eine Diät mit deutlich reduzierter Kohlenhydratzufuhr. Nun ist es aber so, dass so ziemlich alle Ernährungspläne die man zu dem Thema findet für Bodybuilder gemacht sind. Als Radfahrer, insbesondere als Mountainbiker der daran interessiert mäßig bis viel Höhenmeter zu fahren geht es allerdings ohne Kohlenhydrate nicht.

Keine Kohlenhydrate, und du kommst auf dem Zahnfleisch daher.

Und die Kohlenhydrate braucht man nicht nur während der Belastung sondern auch davor und vor allem danach zur Regeneration und um die Glykogenspeicher wieder aufzufüllen. Vor allem bei Mehrtagestouren.

Mehrtagestouren sind allerdings auch nicht das Problem, da die zugeführte Energie in der Regel umgehend wieder verbrannt wird.

Problem #3:
Das Problem fängt da an, wo man mehrmals die Woche relativ harte Trainingsrunden fährt. Ohne Kohlenhydrate geht es nicht und Kohlenhydrate die abends zugeführt werden, werden meiner Erfahrung nach zumindest teilweise als Körperfett angelegt, bzw. geleerte Körperfettzellen werden wieder aufgefüllt. Das bedeutet, dass es großer Disziplin bedarf um Ernährung und Radfahren abzustimmen und selbst dann kann es schneller passieren als man denkt, dass man statt abzunehmen zunimmt!

Meiner Erfahrung nach verhält es sich so, dass in den ersten Tagen/Wochen einer größeren Radtour der Körper seine Substanz auf sein individuelles Maß optimiert. Er sorgt quasi dafür optimal für die Aufgabe gerüstet zu sein, ein ganz normaler Anpassungsprozess. In der Regel nehme ich in der ersten Zeit 5-10 Kg ab und noch etwas Muskeln zu. Insgesamt verbessert und beschleunigt sich der Stoffwechsel und die Ausdauer nimmt zu.

Weiter ab nehme ich aber unter normalen Bedingungen bei Radreisen nicht, obwohl ich laut BMI noch ein paar Kilo bis zu meinem Normalgewicht runter müsste, trotz dass ich 500-600 Kilometer die Woche runterreiße.

Anders war es in Tibet. In Höhen von bis zu 5600m hat die Luft deutlich weniger Sauerstoff, was in einem sicheren Abbau von Körpermasse resultiert, auch wenn man sich nicht übermäßig anstrengt. Also ich nach mehreren Wochen auf dem tibetischen Hochplateau endlich Lhasa erreichte, hatte ich zwar erschreckend dünne Ärmchen dafür aber massive Oberschenkel und kaum noch fett unter der Haut. Etwas Fett am Bauch hatte ich aber immer noch.

Hier hatte ich zum ersten Mal eine Vision zu was mein Körper, mit dem ich mich schon mein ganzes Leben lang rumquälte, gut sei: ich bin nicht besonders schnell, ich bin nicht besonders gelenkig, aber ich habe da noch jede Menge Energiereserven wo andere bereits kämpfen müssen: ich bin kein Formel 1 Bolide der mit von Rennbenzin befeuert nervös über den Kurs rast, nein, ich bin eher ein Dieseltruck, der, einmal in Fahrt, beständig und unbeirrt seinen Weg fortsetzt.

Nach einem Monat durch Osttibet verliß ich den Himalaya und es runter in niedere Lagen. Allerdings wurden die täglich akkumulierten Höhenmeter nicht weniger, eher sogar mehr, nur die absolute Höhe fehlte. Trotzdem nahm ich zu obwohl die tägliche Routine, auch was Nahrungsaufnahme angeht, sich nicht wesentlich verändert hatte!

Fazit

  • Endomorphe fallen aus dem Raster und sollten sich nicht stur nach dem BMI oder anderen Größe-zu-Gewicht Beurteilungssystemen orientieren, vor allem nicht wenn sie sportlich sind.
  • Endomorphe werden immer mit dem Gewicht zu kämpfen haben, außer sie leben einen extrem aktiven Lebensstil bei dem sie sich 5 – 6 Tage die Woche mehrere Stunden täglich intensiv körperlich bestätigen. wenn man sich als endomorpher im Alltag nicht mit seinem Schicksal abfinden will erfordert das viel Zeit, Motivation und Disziplin. Viel mehr als alle anderen
  • Als endomorpher Mensch sollte man sich eher auf seine Stärken besinnen, als seine körperlichen Unzulänglichkeiten zu bedauern (sollte man sowieso), es ist aber auch sozial nicht einfach, wenn die anderen sich die Pizza und das Bier schmecken lassen und man selbst zugucken oder dann die Konsequenzne kompensieren muss
  • Aus den beiden gerade genannten Gründen sind ideale Betätigungen für einen Endomorph alles was mit langen Strecken bei moderater Belastung zutun hat: interkontinentale Fahrradtouren, Langstreckenwanderungen, Ozeanüberquerungen per Ruderboot, Durchquerung der Antarktis auf Skiern , … Hier kann der endomorph sein volles potential ausschöpfen während er am Schreibtisch fett wird.

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